Mittwoch, 08 Feb 2012
 
 
Medienexperte: Migranten haben Recht und Pflicht auf Einmischung PDF Drucken E-Mail
Vielfalt in den Medien
Geschrieben von: Administrator   
Mittwoch, 05. August 2009 um 14:20 Uhr

Ulrich PätzoldBerlin (dpa/trs) - Der Verein Neue deutsche Medienmacher hält Migranten in der Medienbranche für stark unterrepräsentiert - und will dies ändern. Jeder fünfte, der in Deutschland lebt, habe eine Zuwanderungsgeschichte, doch nur etwa jeder 50. Journalist, rechnet der Verein vor. Er tritt für mehr Vielfalt in den deutschen Medien ein. Vorstandsmitglied und Medienexperte Professor Ulrich Pätzold (65) spricht im Interview mit dem deutsch-türkischen Dienst der Nachrichtenagentur dpa über «altdeutsche» und «neudeutsche» Journalisten:

Im Fernsehen sind immer mehr Journalisten mit ausländischen Wurzeln zu sehen, beispielsweise Dunya Hayali, Mitri Şirin oder Hülya Özkan. Ist das nur ein Trend oder öffnen sich die Medien für kulturelle Vielfalt?

Pätzold: Ich sehe das durchaus als einen Trend, wenn man mal unterstellt, dass nicht humane Gründe die Fernsehveranstalter zu solchen Verträgen leiten. Die Programmverantwortlichen entdecken die hohe Qualität der entsprechenden Journalistinnen und Journalisten, und sie versprechen sich durch sie Erfolge für ihre Programme. Denn es hat sich herum gesprochen, Menschen mit Migrationshintergrund sind genauso Zuschauer deutscher Fernsehprogramme wie es die deutschstämmigen Zuschauergruppen sind.

Wie hat sich das entwickelt und was hat dazu beigetragen?

Pätzold: Historiker sollten sich mit dieser Frage bald beschäftigen. Es fällt auf, dass relativ plötzlich in den Jahren 2004/2005 ein Sinneswandel in den Köpfen des deutschen Establishments stattgefunden hat. Aus einer Haltung der Gleichgültigkeit und Ignoranz wurde auf einmal ein beherzter Diskurs politisch salonfähig, wie die Integration besser gelingen könne. Weil Auflagen und Quoten in den Medien in letzter Instanz über die Köpfe in den Medien entscheiden, mussten Versuche auf Resonanz stoßen, durch Mitbeteiligung von Migrantenjournalisten die breiter gewordenen Märkte der Medien zu sichern.

Wie viele Journalisten mit Migrationshintergrund arbeiten bei deutschen Medien?

Pätzold: Auch diese Frage ist neuen Datums in der Diskussion über den Zustand des deutschen Journalismus. Es gibt keine statistisch validen Daten. Aber man kann aus vorhandenen Studien die Vermutung ableiten, dass ihr Anteil insgesamt unter zwei Prozent liegt, im Rundfunk etwas höher ist als in den Zeitungen. Nach wie vor aber gibt es zahlreiche Redaktionen, in denen ausschließlich biodeutsch gekocht wird. Es gibt keinen anderen öffentlichen Bereich wie den Journalismus, in dem die Quote von Migranten so gering ist. Das bleibt mehr als ärgerlich.

Gibt es Medien, die offener sind als andere? Gibt es Unterschiede zwischen Rundfunk, Print, TV sowie privaten und öffentlich-rechtlichen Anstalten?

Pätzold: Es gibt keine grundsätzlichen Unterschiede. Sie mögen bei so kleinen Fallzahlen zur Imagewerbung einzelner Redaktionen taugen, hätten aber den bitteren Beigeschmack, dass entsprechende Kolleginnen und Kollegen als Vorzeigemigrant missbraucht werden, fast wie Affen im Zoo. Vor allem das Fernsehen kann da leicht in Versuchung kommen, falsche Images zu pflegen.

Kann man von einem besonderen Bedarf an Journalisten mit nichtdeutschen Wurzeln sprechen? Können sie einen Integrationsbeitrag leisten?

Pätzold: Zum einen braucht unsere Gesellschaft mehr Authentizität und mehr Perspektiven auf das Alltagsgeschehen in ihr. Die Einwanderungen nach Deutschland haben die Pluralität der Gesellschaft in Deutschland verändert. Die Zeit ist längst vorbei, in der wir immer nur über die Einwanderer geredet haben. Sie sind hier, sie sehen manches vielleicht mit anderen Augen und Erfahrungen. Sie haben das Recht und die Pflicht, sich in diesem Land einzumischen, ihre Ansichten mitzuteilen und ihre Meinungen öffentlich zu machen. Zum zweiten gibt es eine große gemeinsame Verantwortung dafür, dass aus den entsprechenden Kreisen auch tatsächlich genügend Menschen die Qualifikation erhalten, journalistisch professionell arbeiten zu können. Erst wenn gleichsam Waffengleichheit hergestellt ist, wenn also altdeutsche und neudeutsche Journalisten mit gleichen Qualifikationsvoraussetzungen im Wettbewerb stehen, würde sich zeigen, wie «objektiv» der Bedarf an neuen Medienmachern in Deutschland ist.

Wie wichtig finden Sie persönlich die Forderung nach mehr «Migrantenjournalisten» in deutschen Medien?

Pätzold: Ich freue mich über jeden, der es geschafft hat. Ich war 30 Jahre lang in der Journalistenausbildung in Dortmund tätig. Nur wenige Menschen mit nichtdeutschen Wurzeln schafften es über den harten NC in die Dortmunder Uni. Ihnen haben wir nie etwas geschenkt. Aber sie haben uns reicher gemacht. Mit den meisten von ihnen verbinden mich heute noch Freundschaft und die Überzeugung, dass wir etwas Gutes für den Journalismus in Deutschland erreicht haben. Ich unterstütze jeden in den Medien, der darüber nachdenkt, warum es notwendig wird, personalpolitisch die Weichen für mehr Journalisten mit Migrationshintergrund zu stellen. Reichen solche Einsichten nicht aus, müssen Forderungen vielleicht politisch offensiver vorgestellt werden.

Inwiefern haben diese Journalisten Schwierigkeiten beim Zugang zu deutschen Medien?

Pätzold: Lange Zeit galt das Vorurteil, sie beherrschen nicht gut genug die deutsche Sprache. Entscheidender ist, dass es für sie keine Netzwerke gibt, die gerade im Journalismus von sehr großer Bedeutung auch für den Berufseinstieg sind. Schließlich sind Journalisten eine merkwürdig kleinbürgerliche Schicht. Sie verharren in Routinen und Ansichten, die allzu oft Maßstäbe für die Rekrutierung von Kolleginnen und Kollegen sind. Es sind weniger Ressentiments, die den Weg versperren, als Psychologie und Standesdenken.

Kann man auch von Bevorzugung sprechen, gerade aufgrund der Herkunft?

Pätzold: Jede Herkunft kann im Journalismus eine besondere Qualität haben. Die bikulturelle Kompetenz, verkörpert in dem fürchterlich deutschen Wort Migrationshintergrund, müsste eigentlich zu Bevorzugungen führen. Einzelne mögen davon schon heute profitieren. Aber allgemein kann ich keine Bevorzugung erkennen.

Sie selbst engagieren sich in dem Verein Neue Deutsche Medienmacher, der sich für kulturelle Vielfalt in Medien einsetzt! Welchen Beitrag kann so eine Vereinigung leisten?

Pätzold: Nach innen organisiert der Verein ein Netzwerk Betroffener und Vielfalt-Engagierter. Schon durch diese Binnenkommunikation können das Selbstwertgefühl und ein im Journalismus durchaus angemessenes Selbstbewusstsein stärker werden. Jeder hat eine andere Biografie. Deshalb können und wollen wir keine politische Organisation sein, die ein festes Bild von Migrationsjournalismus zeichnet. Nach außen wollen wir aber auch deutlich machen, dass die Bilder über das Leben von Migranten in Deutschland oft einseitig, unvollständig und manchmal schlicht falsch sind, und deshalb falsche Vorstellungswelten erzeugt. Wir wollen dafür werben, dass Deutschland reicher wird, wenn die Stimmen der Migranten zum Alltag der Berichterstattung in den Medien gehören. Und wir wollen natürlich auch, dass sich an den derzeitigen Zuständen etwas ändert.

Wie wird die deutsche Medienlandschaft in zehn Jahren aussehen?

Pätzold: Sicher anders als heute - und das unabhängig davon, wie viele Migrantenjournalisten es dann geben wird. Ich bin überzeugt, dass allein aufgrund des Kommunikationsdruckes durch das Internet die Redaktionen sehr schnell erkennen, dass sie diese Chancen zu mehr Vielfalt nutzen müssen. Der Journalismus wird lebendiger, authentischer und diskursiver werden. Das geht nur, wenn sich alle Medien bemühen, so viele wie mögliche exzellente Medienmacher hinter sich zu scharen. Deshalb wird der Verein Neue Deutsche Medienmacher in zehn Jahren noch nicht überflüssig sein. Aber die Ausgangslage wird in zehn Jahren auf alle Fälle besser aussehen.

Interview: Özlem Yılmazer, dpa
deutsch-türkischer Dienst der dpa, 26.07.09.

 

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