Freitag, 30 Jul 2010
 
 
"Eine Quote haben wir nicht nötig" PDF Drucken E-Mail
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Geschrieben von: Administrator   
Dienstag, 24. Februar 2009 um 00:00 Uhr

Integration

Vorwärts.devon Karsten Wiedemann

Journalisten mit Migrationshintergrund haben es nicht leicht in deutschen Redaktion. Häufig werden sie auf "Multi-Kulti-Themen" reduziert oder haben Schwierigkeiten einen festen Job zu finden, sagt Marjan Parvand, vom Netzwerk Neue Deutsche Medienmacher. Das Netzwerk will sich für mehr Vielfalt in den Medien einsetzen. Im Interview mit vorwärts.de spricht die Journalistin über das Klischee des türkischen Gemüsehändlers und warum es "Biodeutsche" häufig einfacher haben.

vorwärts.de: Frau Parvand, im Netzwerk „Neue Deutsche Medienmacher“ haben sich vor allem Journalisten mit Migrationshintergund zusammengeschlossen. Wieso?

Marjan Parvand: Es gab unterschiedliche Beweggründe. Einige von uns haben sich über die Berichterstattung geärgert. Andere haben darüber geklagt, dass sie in ihrer Redaktion nur der Migrant vom Dienst sind und auf „Migrantenthemen“ abonniert sind.

Liegt das nicht daran, dass sie andere Sprache sprechen und deswegen besser an die Menschen herankommen?

Das Erstaunliche ist, dass oft gar nicht gefragt wird, welche Sprache man spricht. Der Name reicht aus. Ich werde immer wieder gefragt, ob ich dieses oder jenes Thema machen kann, weil es mit der Türkei zu tun hat. Ich bin aber im Iran geboren. Ich kann überhaupt kein Türkisch.

Für andere Kollegen ist es schwer, überhaupt in den Beruf reinzukommen, eine feste Stelle zu finden.

Ist es das nicht für alle Journalisten?

Ich persönlich war immer fest angestellte Redakteurin. Was die Kollegen berichten, zeigt mir aber, dass es scheinbar für Journalisten, die einen Migrationshintergrund haben, doch noch ein bisschen schwieriger ist. Nehmen Sie das Beispiel Radio Multikulti.

Der Sender wurde vom Rundfunk Berlin Brandenburg aus Kostengründen geschlossen.

Wir hören, dass „ Multikulti“-Mitarbeiter, die einen Migrationshintergrund haben, schwerer in anderen RBB-Redaktionen unterkommen als die Biodeutschen.

Biodeutsch?

Das Wort haben wir erfunden

Biodeutsch bedeutet hier geboren und deutschstämmige Eltern?
.., genau.

Würde denn eine Quote helfen, den Anteil von nichtdeutschstämmigen Journalisten in den Redaktionen zu erhöhen?

Die Quote ist natürlich eine Möglichkeit. Ich glaube aber, dass wir alle so gut sind, dass wir eine Quote gar nicht nötig haben. In vielen Chefetagen ist aber das Bewusstsein, dass Kollegen mit Migrationshintergrund neue Sichtweisen einbringen können, noch nicht so ausgereift.

Sie kritisieren, dass oft sehr stereotyp über Migranten berichtet wird. Vermuten Sie Absicht dahinter?

Bei Nachrichtensendungen ist es eben so: ‚bad news are good news’. Man berichtet weniger über Errungenschaften, sondern legt die Probleme der Gesellschaft offen.
Aber ich finde, dass teilweise Chiffren verwendet werden, die überhaupt nicht mehr aktuell sind. Der Gemüsehändler in Berlin Kreuzberg ist total ausgereizt und absolut langweilig ist. Das ist echt billiger Journalismus auf Kosten von Leuten, die sich nicht so zur Wehr setzen können. Das ist einer der wichtigsten Gründe, warum wir sagen: ‚Jetzt machen wir den Mund auf, es reicht.’

Probleme bei der Integration gibt es aber.

Ja sicher, keiner von uns verlangt eine beschönigende, sondern nur eine differenzierte Betrachtung.

Ein Beispiel: Vor kurzem wurde eine Studie zur Lage der Integration in Deutschland veröffentlicht. Ein Ergebnis war, dass türkische Migranten die größten Bildungsprobleme haben. Ich habe mir an diesem Tag vier Nachrichtensendungen angeguckt, weil ich schauen wollte, wie darüber berichtet wird. Ich muss ganz ehrlich zugeben, dass die Tagesschau am saubersten war.

Sie hat einerseits die Probleme gezeigt, sie hat aber gleichzeitig auch gezeigt, dass zu wenig für diese Menschen getan wird. Und, ganz wichtig: Es hat teilweise überhaupt nichts damit zu tun, ob jemand Türke ist, es ist ein soziales Problem. Kinder aus bildungsferneren Schichten, die biodeutsch sind, schneiden in der Schule auch schlechter ab.

Mittlerweile wird auf Gipfeln im Kanzleramt über das Thema Integration gesprochen.

Ich glaube, man kann Integration nicht von oben verordnen. Es ist aber so, dass ein Gipfel auch Symbolpolitik und damit wichtig ist. Insofern, hat er schon etwas gebracht. Es hat ein bisschen Bewegung in den Redaktionen gegeben.

Sehen Sie sich selber eigentlich als eine Art Elite, weil Sie studiert haben und eine andere Bildungsbiographie haben als viele Migranten, die hier leben?

Gute Frage. Ich habe noch nie darüber nachgedacht. Klar, haben wir es irgendwie geschafft. Ich glaube aber nicht, dass irgendeiner von uns sagen würde: ‚Wir sind die Elite’. Dazu sind wir alle ein bisschen zu selbstkritisch. Ich habe auch ein Problem mit dem Begriff der Elite. Aber wir sind auf jeden Fall eine Gruppe, die beschlossen hat: ‚Wenn wir nicht endlich mal was sagen, dann wird sich nichts ändern. Irgendjemand muss den Mund aufmachen.’

Wir können Vorbilder sein. Wir sehen so aus wie die Kids auf der Straße, sind aber ein Beweis dafür, dass es auch anders geht, dass man nicht Automechaniker oder Friseurin werden muss. Wir  machen diesen Kids Mut. Deswegen wollen wir uns auch für die Nachwuchsförderung einsetzen.

Haben Sie sich für ihre Arbeit weitere Ziele gesteckt?

Wir wollen uns Institutionalisieren. Das geht alles nicht so schnell, weil wir alle berufstätig sind. Wir wollen uns auch im europäischen Ausland vernetzen.
Und das ganz, ganz langfristige Ziel ist, dass wir irgendwann nicht mehr notwendig sind.

Marjan Parvand ist Journalistin und arbeitet in der Redaktion der Tagesschau. 

Interview: Karsten Wiedemann

zum Artikel: http://www.vorwaerts.de/artikel/eine-quote-haben-wir-nicht-noetig
 

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